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Lexikon Globalisierung: Reiseführer zur Kultur des globalen Dorfs

Grundlegende Begriffe und fundierte Hintergründe zum Phänomen Globalisierung werden nun in einem "Lexikon der Globalisierung" zusammengefasst. Im Rahmen eines Translational Research-Projekts des Wissenschaftsfonds FWF wurden dafür die weltweiten Verflechtungen und Abhängigkeitsprozesse sichtbar und für die Fachwelt und die Öffentlichkeit nutzbar gemacht - mit enormem Erfolg: Das Werk belegte bereits vor einigen Wochen Platz 7 der prominentesten deutschsprachigen Sachbuchliste. Der dringende Bedarf nach einem solchen Werk zeigt, wie Grundlagenforschung die tägliche Anwendung gezielt unterstützen kann.
"Globalisierung", "Identität", "Multikulturalismus" sind Begriffe, die im Alltag gerne und häufig gebraucht werden. Doch ihr dynamischer Wandel lässt sie zunehmend als unscharf erscheinen. Ein Lexikon der Globalisierung schafft nun Orientierung im Begriffsdschungel. Nahezu 150 Einträge laden LeserInnen darin zur Schärfung ihres Bewusstseins ein. So können sie die geschichtliche und aktuelle Entwicklung von oft unbedacht und inflationär verwendeten Schlüsselbegriffen nachverfolgen. Fallbeispiele verdeutlichen die Bedeutung der Begriffe im Alltag. So erhalten LeserInnen die Möglichkeit, diese Begriffe im Alltag zukünftig bedacht und sachlich treffend einzusetzen.
Das Lexikon der Globalisierung basiert auf den Forschungsarbeiten des Sozial- und Kulturanthropologen Prof. Andre Gingrich vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dieser erhielt im Jahr 2000 den Wittgenstein-Preis - Österreichs mit bis zu EUR 1,5 Mio. höchstdotierten und prestigeträchtigsten Wissenschaftspreis: "Mit diesen Mitteln gelang es uns, den Forschungsbereich der Kultur- und Sozialanthropologie in Österreich weiterzuentwickeln. Insbesondere beschäftigten wir uns mit dem Schwerpunkt Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse", erläutert Prof. Gingrich.

Globalisierungs-Realismus

Darüber, wie lange die Welt im Zuge der Globalisierung schon "zusammenrückt" und sich Kulturen und Gesellschaften gegenseitig beeinflussen, scheiden sich die Geister: "Das Lexikon macht eine realistische Einschätzung dieses Phänomens möglich. Denn in einer globalen Welt leben wir schon seit den ersten Entdeckungsexpeditionen, Migrationen und kolonialen Verstrickungen", so Prof. Gingrich. "Allerdings machen die weltweite Vorherrschaft der kapitalistischen Marktwirtschaft und technologische Innovationen Globalisierung seit Kurzem auch weltweit im Alltag erfahrbar." Zwischen "Globalisierungsfetischismus" und -negierung ermöglicht die Kultur- und Sozialanthropologie einen nötigen Globalisierungs-Realismus. Denn die Erforschung der Begegnung zwischen Kulturen und deren Auswirkungen ist ja ihre besondere Stärke. Hauptergebnisse wurden nun im Zuge eines Translational Research-Projekts des FWF in über acht Jahren Entwicklungsarbeit für die Anwendung für Fachleute sowie die breite Öffentlichkeit "übersetzt". Diese wurden als Lexikon der Globalisierung von Prof. Gingrich gemeinsam mit der Medizinanthropologin Dr. Eva-Maria Knoll und dem Sozialanthropologen Mag. Fernand Kreff herausgegeben. Prof. Gingrich dazu: "Es war unser zentrales Anliegen, diesen wichtigen Vermittlungsschritt zwischen wissenschaftlicher Forschungsarbeit und anwendungsorientierter Praxis zu setzen." Die internationale Spitzenstellung des Wittgenstein-Preisträgers und seine exzellente Vernetzung mit ExpertInnen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen machte diesen Brückenschlag möglich. "Uns ist es gelungen, nahezu 150 Originaleinträge von 117 wissenschaftlichen AutorInnen aus fünf Kontinenten in einem Band zu versammeln. Diese wurden auch aus dem Englischen, Französischen und Portugiesischen ins Deutsche übertragen", so Prof. Gingrich. Damit wird die gebündelte Expertise einer Vielzahl von Fachrichtungen wie der Sozialanthropologie, den Wirtschaftswissenschaften, der Geschichte, den Sprachwissenschaften, der Soziologie sowie der Wissenschaftsforschung nutzbar.

Globalisierungsalltag

Die wissenschaftlichen Beiträge sind kürzer und zugänglicher und damit weniger leseaufwendig als wissenschaftliche Artikel. Sie werden dialogisch ergänzt durch in weltweiten Feldstudien gesammelte Fallbeispiele aus dem Lebensalltag in der globalisierten Welt: Vom Nomaden aus der Sahara bis zur Südburgenländerin teilen Menschen ihre Erfahrungen mit den LeserInnen des Lexikons und machen sie für diese erlebbar. Die Alltagstauglichkeit und Anwendungsfreundlichkeit sind auch Resultat intensiver Beschäftigung mit der Zielgruppe. Prof. Gingrich dazu: "Wir haben VertreterInnen diverser Berufsgruppen eingeladen, ihr Interesse an einer schnörkellosen, klaren und dennoch fundierten Sachbuchversion zu diesem Thema einzubringen." Wirtschaftsfachleute, BeamtInnen, in der Entwicklungszusammenarbeit Tätige, SozialarbeiterInnen, Migrations-BetreuerInnen, Lehrende und StudienanfängerInnen wurden in zahlreichen Testphasen einbezogen. Durch diesen "Reality-Check" wurden die nötigen Voraussetzungen geschaffen, das Lexikon der Globalisierung zu einer in jeder Hinsicht gelungenen Übersetzung für Praxis und Alltag zu machen. Die Positionierung unter den Top Ten der bedeutendsten deutschsprachigen Sachbuchliste verdeutlicht dies. Das Lexikon als "handliches" Ergebnis eines FWF-Projekts zeigt, wie die Erforschung grundlegender Fragen fernab des Elfenbeinturms der Öffentlichkeit konkrete Hilfestellungen anbieten kann.
Autor: red.
26.06.2012